Z – Zielzauber

Ich habe meinen 1. Roman zuende geschrieben! Ich muss zugeben, ich bin ziemlich stolz. Wie kann ich diese Schreibreise in Worte fasse? Vielleicht so:

Zunder imaginieren

Ideale emanzipieren

Einfälle lieben

Launen zuckern

Zensor akzeptieren

Angst überwinden

Unlust besiegen

Buchstaben einladen

Euphorie rühmen

Reise zelebrieren

In Zahlen:

Startschuss: 1. November 2017

Zieleinlauf: 3. März 2018

Wörter: 131.849 (im Umfang ähnlich wie mein großes Vorbild: „Die Unendliche Geschichte)

Kapitel: 59 + Prolog und Epilog  2018-03-03_Klangfarben_Inhaltsverzeichnis

Was dazwischen liegt, ist eine ganze Welt: Die Geschichte meines Romans „Klangfarben“ mit ihren Figuren, die ein Eigenleben entwickelt haben. Und meine eigene Geschichte als Schriftstellerin (darf ich mich jetzt so nennen?).

Was ich so schwungvoll und spielerisch im Rahmen des NaNoWriMo begonnen habe, habe ich in den folgenden 3 Monaten weiter geführt. Was für ein Wellenritt! Im Laufe des Dezembers hat sich erst die Schwere eingeschlichen, zum Jahreswechsel dann mächtige Angst.

Im Januar habe ich die Zügel locker gelassen. Was im Februar dazu geführt hat, dass mir das ganze Roman-Projekt irgendwie entglitten ist – ich habe nur 3 Tag in der Woche geschrieben und nach jeder Pause war der Wiedereinstieg ein Kaltstart (zusätzlich hat mich noch der Virus für 1 Woche lahm gelegt). Ich hatte das Gefühl, meine Schreibfähigkeit verloren zu haben und nur noch mühsam zu imitieren, wie ich zuvor geschrieben hatte. Meine Figuren sind mir fast gleichgültig geworden und meine Geschichte schien mir banal zu sein.

„Macht es einen Unterschied, ob ich das nun zuende schreibe, oder nicht?“, habe ich mich gefragt.

Andere Schreibprojekte, wie die spielerischen und kurzweiligen Texte für mein Studiums-Modul „Kreatives Schreiben in der Ästhetischen Bildung“ lockten mich viel mehr!

Ich habe die Musen um Hilfe angerufen. Diese eigenwilligen Wesen hören aber weder auf mich, noch auf ihren Göttervater Zeus. Höchste Zeit, das Zepter wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Mein digitales Tagebuch (facebook) erzählt davon:

Fr, 23. Februar 2018

„Jetzt aber los: Heute will ich mich zu einem Schreib-Sprint in 3 Intervallen motivieren. Nachdem ich gestern kein Wort an meinem Roman geschrieben habe, stattdessen Essigreiniger und Putzschwamm eine unwiderstehliche Anziehungskraft entwickelt haben (das Bad bedankt sich), heißt es heute Strenge walten lassen.

Die angerufenen Musen sind sehr eigensinnig und beglücken mich zwar mit unzähligen Einfällen für mein Forschungsprojekt in der Ästhetischen Bildung – sie haben mich die halbe Nacht (bis 5 Uhr früh) wach gehalten mit ihrem Gesäusel. Aber meinem Roman zeigen sie die kalte Schulter.

Auf die Plätze, fertig, looooos mit der ersten Etappe. Um 14 Uhr belohne ich mich dann mit einem leckeren Mittagessen.“

Der gute Geist von Jane Austen ist mit von der Partie.

Nicht nur mich selbst, sondern auch andere Hürden musste ich überwinden:

Mi, 28. Februar 2018

„Das wird heute nichts mehr mit meinem Roman-Finish! Das Universum hat sich gegen mich verschworen: Zum einen fehlen dem Februar eindeutig 3 Tage. Zum anderen ist heute die Computer-Technik zur Meuterei übergegangen. Das „“ hat sich endgültig verdrückt. Heute morgen habe ich 1 Stunde an einer Szene geschrieben und die Hälfte der Zeit damit vergeudet, die fehlenden „a“’ss nachzutragen – echte Handarbeit per Copy+Paste und mit Wortvervollständigung (warum kennt das Schreibprogramm weder „Krnkenhus“ noch „Strßenrnd“???).

Zu High Noon habe ich mich dann entschlossen, meinen dicken Dinosaurier Laptop (Jahrgang 2007) aus dem hintersten Winkel meines Schrank zu holen und zu reaktivieren. Update von Windows XP, Installation von Antivirusprogramm und OpenOffice erforderlich – es gab heftige Gegenwehr vom Dino, der Kampf zog sich über 6 Stunden hin. Immerhin habe ich gewonnen.

Raubüberfall auf mein goldenes Nervendepot. Hier das Lineup der Gangsterbande: (v.l.n.r.) „Little Slow Joe“, „Al A. Away“ und „Dinosaur Dude“.

Dabei habe ich von AAAAhhhh!!!! (Wutgeheul) bis OOOMMMM (Sitzmeditation) alles durchgemacht, was die Emotionspalette so bietet.

Jetzt bin ich bereit, auf dem Dinosaurier noch mein restliches heutiges Schreibpensum von 1 ½ Stunden zu erfüllen.

Ach ja, dem Februar erstatte ich seine verlorenen Tage zurück und werde nun als Schreib-Finish den 3. März anstreben (am Samstag hat der Copy-Shop für den Ausdruck noch offen).

Zwischendurch hat mich heute „Floyd“ sehr amüsant aufgemuntert – ich habe das Computerspiel von 1997 in meiner Recherche für meine Figur Philipp entdeckt: Der Anti-Held Floyd in einer Orwell’schen Überwachungs-Galaxie sagt so tolle Sachen wie: „Unwissenheit ist keine Entschuldigung für Verrat“ und „Das ist ein echtes Dilemma“. In diesem Sinne wünsche ich: „Gute Nacht, Bürger und schönen Orbit“!

PS: Little Slow Joe fährt immer noch hoch…“

Diese Motivationskarten haben mich die ganze letzte Woche begleitet – indem ich mir feste Zeitfenster zum Schreiben gesetzt habe, konnte ich den Fokus und die Last vom Inhalt weg nehmen (diesen Frustfaktor, wenn ich eine Szene inhaltlich nicht abschließen konnte). Ich bin durch das Vielschreiben in einen regelrechten Schreibrausch gekommen.

In 3 Schreibeinheiten (von jeweils 1 Stunde, manchmal länger) pro Tag habe ich an 8 Tagen 18.255 Wörter geschrieben (durchschnittlich 2.280 Wörter pro Tag). Aber vor allem inhaltlich hat mich meine Geschichte wieder gepackt und ich hatte Freude am Erzählen und an meinen Figuren.

Nebenwirkung dieser großen Euphorie war, dass ich zuletzt nachts kaum mehr als 3 Stunden schlafen konnte – die Rädchen in meinem Kopf haben sich im Hypermodus gedreht.

Am gestrigen Samstag habe ich meine letzten Kräfte für den Epilog mobilisiert und bin beim Schreiben richtig gefühlig geworden (Kitschalarm!). Um 18:43 Uhr habe ich das Wort „Ende“ geschrieben und mir ein Rührungstränchen aus dem Augenwinkel gewischt.

Hier also druckwarm (Sonntagsausflug zum Copyshop) mein Werk – mit allen Imperfektionen.

Ich sage: „Danke Dinosaur Dude, dass du auf deine alten Tage die letzten 4 Etappen so wacker mit mir gespurtete bist“. Er brummt dazu und richtet sich häuslich auf meinem Schreibtisch ein. Al A. Away jmmert schmllippig vom Schrnk, dss er doch viel schlnker und schneller sei.

Vielen Dank an euch, meine lieben treuen Blogleser*innen, dass ihr mich in den letzten 4 Monaten bei meinem Schreibabenteuer begleitet habt. Mit euren wertschätzenden Kommentaren und persönlichen Rückmeldungen habt ihr mich sehr motiviert und unterstützt!

Jetzt feiere ich ein paar Tage lang das süße Nichtstun – Jane Austen prostet mir über den Tassenrand zu – freue mich daran, dass ich meine Geschichte zum Finale geführt habe und schwebe mit meinen Figuren im 7. Happy-End-Himmel.

Hier nun eine Leseprobe:

Philipp hatte ich zu Beginn nur als Nebencharakter vorgesehen (Gegenspieler für meine Protagonistin Elise). Hierzu sagt Clemens J. Setz in „Bot. Gespräch ohne Autor“:

„…Nebenfiguren sind das Traurigste, was man sich vorstellen kann. … Sie kommen im Zustand der Entbehrlichkeit zur Welt…“

Dazu kann ich nur sagen: Philipp hat seinem Schicksal eine Schnippe geschlagen hat. Ganz heimlich hat er sich nämlich zur unentbehrlichen 3. Hauptfigur gemausert. Über Philipp zu schreiben, hat mir fast am meisten Spaß gemacht, weil er so voller liebenswerter Schwächen ist.

Jetzt aber zur Szene: Wir befinden uns in einer Shopping Mall im Jahr 1997, Philipp ist 18 Jahre alt und macht dort ein Praktikum (die Vorgängerszene findet ihr hier):

Kapitel 52: Philipp – Im Namen der Rose (ohne Rose)

Philipp drängte sich in der Drehtür zur Shopping Mall an zwei Frauen mit dicken Handtaschen vorbei. Scheiße, er war heute schon wieder zu spät. Schuld war immer noch sein Wecker. Beim Rasieren mit den Wegwerfklingen hatte er sich in den Hals geschnitten und jetzt klebte dort ein Pflaster mit Donald Duck und seinem Entengrinsen. Aber besser, als blutige Schlieren auf seinen weißen Hemdkragen zu bekommen. Er war immer noch der coolste Man in Black in seinem Revier. Sein schwarzer Schlips mit Klettverschluss baumelte im Takt hin und her, als er zwei Stufen gleichzeitig nehmend in den Keller runter rannte. An den Knien war seine Anzughose schon ein bisschen ausgebeult zum Bügeln war er am Wochenende nicht gekommen. Die Disco-Nacht vom Samstag gärte noch wie selbst gebrautes Bier in seinem Magen. Er hatte Ramona gesehen. Beim Tanzen eng umschlungen mit dem Sonnenbankschönling aus dem Decathlon auf Ebenen 2. Das kriegt auf der Abgefucktheits-Skala ’ne 9,0! Aus „Man in Black“ gab es wirklich für jede Lebenslage ein passendes Zitat. Aber für ein Lächeln reichte es heute nicht.

Philipp wurschtelte die Chipkarte aus seiner Hosentasche und hielt sie vor den Scanner an der Personaltür. Nichts passierte. Er presste die Plastikkarte mit Nachdruck gegen die Glasscheibe mit dem roten Blinklicht dahinter. Endlich piepte es und die Tür machte mechanisch Klick, sein rechten Fuß schnellte mit einem Tritt vor und stieß die Feuerschutztür auf. Autsch. Sein Fuß tat weh. Hinkend eilte er in die Umkleidekammer und holt seine Anzugjacke aus dem Spind. Er schwitzte schon wieder und das Hemd klebte auf seinem Rücken.

Krieger“, hallte die krächzende Stimme vom Hai-Mann durch den Flur, gefolgt von einem apokalyptischen Niesen. Der Chef hatte seit einer Woche die Grippe und seine Laune neue Tiefpunkte erreicht.

Philipp ging mit quietschenden Lackschuhsohlen in die Kommandozentrale. In seinem Aquarium schwamm der Haifisch im Rollsessel und stierte durch die quadratischen Bullaugen der Monitore in die schwarz-weiße Einkaufswelt dort oben. Seine Glatze glänzte, seine riesige Nase war ganz rot vom vielen Schneuzen und in der Hand wedelte anstelle einer Flosse ein feucht-gelbes Taschentuch, das Philipp lieber nicht genauer betrachtete.

Versager vortreten“, sagte Habermann, zeigte seine kleinen Spitzzähne und hielt ihm das Funkgerät hin. Philipp machte widerwillig einen Schritt auf den Chef zu und griff nach dem schwarzen Plastikteil, auf dem fettige Fingerabdrücke vom Hai-Mann schimmerten. Dieser hatte seine Ärmel hochgekrempelt und die üblichen zwei Nikotinpflaster klebten auf der Innenseite seiner haarlosen Fischarme. Auf dem Tisch reihten sich Fläschchen mit rosa Hustensaft, Nasenspray und Red Bull wie tapfere Soldaten für eine aussichtslose Schlacht auf.

Acht Uhr Siebzehn – wenn das mal kein Rekord ist. Hattest heute wohl eine Rakete im Hintern, was?“. Die wässrigen Augen vom Chef liefen hämisch über. Philipp öffnete und schloss seinen Mund.

Deine Bullshit-Ausreden will ich gar nicht hören. Raus ins Untergeschoss, aber ASAP“, kommandierte der Hai-Mann und nieste ihm eine feuchte Brise ins Gesicht. Philipp nickte knapp und marschierte los.

Er hatte sich mit dem Untergeschoss inzwischen angefreundet. Aus dem Pfennigland begrüßten 1001-Nacht-Gewürze scharf seine Nase und vor der Tür lagen in einem Metallgitterkasten haufenweise Sets von Plastiktennisschlägern inklusive zwei gelben Schaumstoffbällen. Ha, das könnte er dem Liebling von Ramona mal vorbeibringen – der Typ war Ex-Tennisspieler, aber riesigen Erfolg kann er nicht gehabt haben, sonst wäre er jetzt kein Sportartikelverkäufer. Was hatte der Kerl, was er nicht hatte? Aus den Flurboxen jammerten der blinde Italiener und die Musical-Tante „Time to say goodbye“. Er hätte nicht gedacht, dass Henry Maske mal in die Waschlappen-Fraktion wechseln würde. Will Smith und Tommy Lee Jones hatten zwar auch mit Schleim zu kämpfen, aber den pusteten sie einfach mit ihren Megaknarren weg.

Im Reisebüro winkte ein Kapitän von einem weißen Traumschiff und vor dem Kiosk verkündete das Lottoschild die Gewinnsumme für den kommenden Mittwoch: 1,3 Million DM. Ganz schön läppsch, würde sein Vater sagen. Gestern Abend hatte er einen seiner seltenen Anrufe bekommen. Sein Vater fand alles läppsch, was Philipp machte. Er bog nun in die Kurve am Ende der Mall ein und kam an den Stehtischen der Bäckerei vor dem Supermarkt vorbei. Der Duft von Kaffee stieg ihm in die Nase und die Krapfen im Zuckermantel hinter der Glastheke ließen seinen Magen laut rumoren. Schade, dass Franzen und Poloczek hier nicht standen, dann hätte er sich dazu gesellen können. Sein Blick wanderte zum Kameraauge in der Ecke unter der Decke. Der Hai wartete sicher nur darauf, ihn endlich für den tödlichen Biss zwischen seinen Sitzzähnchen zu bekommen. Seufzend schlurfte Philipp weiter.

Er warf im Vorübergehen einen Blick in das spiegelnde Schaufenster vom Reformhaus. Zwischen Hausschuhen aus grauer Schafwolle stach sein dunkler Anzug hervor, sein blasses rundes Gesicht schwebte konturlos darüber wie ein Luftballon. Heute war definitiv ein Tag für seine Sonnenbrille. Er zog die Wunderwaffe aus der Jacketttasche und setzte sie sich auf die Nase. Yes, Man in Black is back!

Erscheinen Sie, sonst weinen Sie!“, knurrte er seinem Spiegelbild entgegen und lächelte zufrieden. Mit dem breiten Gang eines Siegertypen setzte er seinen Rundweg fort.

Endlich kam er auf Ebene 1. Die letzten Stufen auf der Rolltreppe stieg er kraftvoll nach oben. Der Duft vom Parfüm lag in der Luft. Hinter der Glasscheibe standen die gläsernen Flaschen auf kleinen Podesten unter Halogenstrahlern wie kleine Stars. Manche Flakons waren wie die Frauenkörper geformt, die mit ihrem Namen für das Parfüm warben. Jede Frau, die sich mit dem Duft besprühte, sollte sich genauso sexy fühlen, wie eine berühmte Schauspielerin oder ein Supermodel. „Selbstwertgefühl auf Spraystoß“, sagte die weise Oma von Torsten.

Philipp spürte, wie sein Hals warm wurde. Davon juckte der Rasierschnitt in seiner Haut. Er riss sich das Donald-Duck-Plaster ab und knüllte es in seine Hosentasche. Er hatte bestimmt wieder rote Apfelwangen (O-Ton Mama). Gut, dass er seine Sonnenbrille auf hatte, das war männlich. Als er durch die Metallschranken des Eingangs ging, piepte es laut drei Mal und Philipp zuckte zusammen. Scheiß Auftritt. Alle Köpfe im Laden drehten sich nach ihm um. Auch Ramona guckte zu ihm und ihre langen schwarzen Haare schlugen Wellen, dass er fast seekrank wurde. Ihre roten Lippen zogen sich in ein breites Lächeln und die Zähne blitzten wie Perlen. Sie kam hinter der Glastheke hervor und ging mit ihren runden Hüften auf ihn zu. Philipp schob seine Sonnenbrille hoch in die Haare, damit er sie in voller Farbe sehen konnte. Durch das enge blass-lila Top sah er ihre Möpse hüpfen. Philipp grinste entschuldigend und breitete seine Hände aus.

Du kannst mich durchsuchen, ich habe nichts geklaut“, sagte er.

Na, wenn das mal kein guter Spruch war. Und der stammte noch nicht mal aus „MIB“. Ramona flatterte mit ihren langen schwarzen Wimpern (angeklebt, wie Silva behauptete) und legte ihre Hände auf die Hüften wie eine strenge, aber total heiße Lehrerin.

Ist das da ein Parfümflakon in deiner Tasche, oder bist du nur froh mich zu sehen“, fragte Ramona mit Schokoladenstimme.

Philipp dachte an das zusammen geklebte Pflaster in seiner Hosentasche und wurde noch röter. Aber sie meinte sowieso was anderes. Jetzt brach ihm Schweiß auf der Stirn aus.

Fräulein, ich suche ein Parfüm mit Rosenduft. Wenn Sie Ihr Privatgespräch kurz unterbrechen könnten, um mich zu bedienen“, sagte eine Frau mit brüchiger Stimme dazwischen. Da hatte er endlich eine geile Connection mit Ramona am laufen und dann kam so eine blöde Tante dazwischen.

Ramona wendete sich der Kundin zu. Die Frau hatte ein schmales Gesicht wie eine Ziege mit einer sitzen Nase, einigen Falten um den Mund mit rosa Lippenstift, der in den Mundwinkeln bröckelte. Ihre Haare waren blond gefärbt und wie ein Turban nach oben gewunden, wobei die fasrigen Haarsträhnen mit tonnenweise Haarspray zusammen geklebt waren. Da könnten Vögeln drinnen nisten. Die Rosen-Oma trug ein beiges Kostüm mit Rock bis zu den Knien (ihre Beine sahen noch nicht so alt aus) und einem Jäckchen mit flachen Trachtenknöpfen so groß wie Fünf-Mark-Münzen. Über ihrem linken Arm hing eine eckige braune Lederhandtasche mit goldenem Schnappverschluss, der von zwei dicken goldenen Knubbeln, die sich umarmten, zusammen gehalten wurde. Die Handtasche sah wie ein überdimensionales Portemonnaie aus. Ihre kleinen blauen Äuglein blinkten unter blauer Wimperntusche hervor. Sie musterte Philipp von Kopf bis Fuß und zog ihre Mundwinkel nach unten. Ramona lächelte die Meckerziege profimäßig an.

Selbstverständlich. Wir haben da eine ganz liebliche Duftnote von Schanell“, sagte Ramona und führte die Frau zum Regal gegenüber.

Philipp rückte seine Sonnenbrille zurecht und patrouillierte langsam zwischen den Regalen im Mittelgang der Parfümerie entlang. Er war schließlich für die Sicherheit verantwortlich und kraft seiner Aufgabe hier. Er streckte sein Kinn vor und seine Schritte wurden breiter.

Die Meckerziege ließ sich von Ramona verschiedene Parfüms auf ihre dürren Handgelenke sprühen. Dann hielt sie ihre spitze Nase daran und schüttelte jedes Mal ihren Kopf.

Wie Lady Di, die Rose von England“, schnappte er von der Frau auf. Immer noch Lady Di dies, Lady Di das. Frauen waren komisch. Seine Mutter seufzte immer noch schwer, wenn im Fernsehn irgendwas über die Prinzessin der Herzen gelabert wurde.

Er senkte die Sonnenbrille wie ein Visier über seine Augen, die Ramona aus dem Schatten heraus unsichtbar verfolgten. Sie bewegte ihren Mund in freundlichen Erklärungen, fuhr mit ihrer kleinen rosa Zungenspitze über ihre roten Lippen und ihm sogar einen heimlichen Blick zu. Wie Verschwörer mit einem Geheimnis.

Gerade machte Philipp in seiner fünften Streife im Mittelgang zackig kehrt, als er den Tennis-Champ von Hinter-Unter-Wiesendorf zur Tür herein marschieren sah. Der Typ tat gerade so, als würde ihm der Laden gehören. Verpiss dich zurück in dein Decathlon! Der Sonnenbankschönling mit den braunen Locken trug ein weißes Tennisshirt mit kurzen Ärmeln (wir haben Oktober, ey!), damit man seine Angeber-Muskelarme bestaunen konnte. Um seine Handgelenke trug er weiße Schweißbänder wie andere Leute Goldkettchen. Im Schaufenster vom Sportladen auf Ebene 2 hatte Philipp die Tennisoutfits an den Männerpuppen im Vorbeigehen oft angeguckt – alles aus der Pete Sampras-Kollektion. Laut Werbeschild der aktuelle Wimbledon-Sieger. Sein Vater hatte früher immer zu Boris Becker gehalten. Tennis ging Philipp echt am Arsch vorbei.

Ramona schüttelte ihre Haare und zwinkerte Schweißbandtypen aufreizend zu. Der schlenderte zum Regal mit den Herrendüften und tat so, als würde er sich für das Zeug interessieren. Er griff nach der Adidas-Flasche im herben Dunkelbau mit schwarzem Deckel. Als ob das männlich wäre. Ramona ließ ihre Kundin stehen und stöckelte zum Tennis-Löckchen.

Philipp straffte seine Schultern und dachte an Tommy Lee Jones. Er hoffte, seine Miene war jetzt genau so grimmig. No bullshit. Er war Profi. Er rückte sein Funkgerät zurecht, das wie ein Colt an seinem Gürtel baumelte. Er legte seine rechte Hand darauf, bereit, jederzeit zu ziehen.

Jetzt fiel sein Blick auf die Lady Di-Verehrerin, die in einer Parfüm-Wolke stand – jedenfalls sah er sie leicht verschwommen – und abwechselnd an ihren beiden Handgelenken und an einigen besprühten Papierstreifen schnüffelte. Das goldene Maul ihrer braunen Handtasche stand offen. Einige helle Papiertücher ragten heraus und verdeckten den Blick ins Innere. Nun drehte sie ihm den Rücken zu. Er konnte die Handtasche nicht mehr sehen. In schneller Folge nahm sie mit ihren knochigen Fingern Parfüm-Flakons aus dem Glasregal, führte sie an ihre Nase und stellte sie wieder zurück, ohne gesprüht zu haben. So bewegte sie sich zügig am Regal entlang, weg von Ramona. Die achtete gar nicht darauf und flirtete schamlos mit dem Tennis-Typen.

Jetzt hatte die Stunde geschlagen, in der Philipp beweisen konnte, aus welchem Holz er geschnitzt war. Ein richtiger Detektiv brauchte nicht die Tat zu sehen, sondern alleine die Spuren und seine Fähigkeit, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, führten ihn zum Täter. Das hatte er oft genug in Filmen gesehen. Er hielt die Luft an und pirschte sich von hinten an die Verdächtige heran. Dann sprang er mit zwei Panther-Schritten hinter sie, packte sie an ihren dürren Schultern und drehte sie zackig zu sich herum. Die eckige Handtasche, die am kurzen Trageriemen über ihrem linken Unterarm hing, stieß scharf in seinen weichen Bauch. Philipp riss der Frau die Handtasche vom Arm, zog die Taschentücher heraus, die wie Minifallschirme zu Boden segelten und durchwühlte die Tasche. Ein Reclam-Büchlein kam ihm zwischen die Finger, Deutschunterricht-Flashback. Er ließ das Buch fallen, als hätte es seine Hände verbrannt. Ha, da hatte er es! Triumphierend zog Philipp ein braunes Parfümfläschchen mit lila Blumenaufkleber heraus.

Was erlauben Sie sich?“, rief die Diebin schrill.

Ramona kam angerannt.

Was machst du denn da?“, fragte Ramona fast genauso schrill. Sie hatte ihre schmal gezupften Augenbrauen zusammen gezogen und ihr rosiger Mund stand empört offen. Sie entwand ihm die Handtasche und gab sie der Frau zurück.

Entschuldigen Sie bitte“, nuschelte Ramona unterwürfig.

Sie hat gestohlen“, sagte Philipp laut und plötzlich hallte seine Stimme unangenehm in seinem Kopf wieder und er hatte das Gefühl, die restliche Welt wäre auf „Stumm“ geschaltet. Aus dem Augenwinkel sah er zwei dicke Damen beim Sonderpostenkorb stehen und miteinander tuscheln, dabei fixierten sie ihn mit missbilligend kniependen Augen.

Hier, das Parfüm hat die Frau in ihre Handtasche gesteckt. Ich habe es genau gesehen“, fügte Philipp atemlos hinzu und schob die Sonnenbrille mit wackligen Fingern wieder hoch in seine Haare, weil ihn ihr dunkler Schleier plötzlich unsicher machte. Okay, gesehen hatte er es nicht. Aber der Beweis war da. Er streckte das braune Glasfläschchen mit dem runden Plastikschraubdeckel wie einen Pokal unter Ramonas Nase.

Das ist mein Brunellus Lavendelöl“, keifte die alte Ziege.

So eine Unverschämtheit! Das ist mir ja noch nie passiert!“, meckerte die Frau weiter und jetzt tastete sie ihre Schultern ab.

Ich habe Schmerzen. Ich verklage Sie!“, dabei blickte die Rosenrächerin in die Runde und schloss alle Schuldigen im Parfümladen in ihre Drohung mit ein.

Philipps Blick kreuzte sich mit dem vom Tennis-Angeber, der wie ein Beschützer neben Ramona stand und den Kopf milde schüttelte, so als würde ihm Philipps Dummheit leid tun. Ramona schaute mit ihren falschen Wimpern stur an ihm vorbei.

Der Tumult ging noch weiter. Die Rosenduft-Ziege tat so, als würde sie ohnmächtig werden, ein Stuhl wurde herbei geholt, ihr wurde ein Wasserglas gebracht – Ramona und ihre Kollegin benahmen sich wie eifrige Stewardessen – sie betupften ihre Schläfen mit dem Lavendelöl aus der braunen Unglücksflasche. Das stank wie im alten Bauernschrank seiner Mutter, wo ihr Hochzeitskleid in einem Mantel mit Mottenkugeln hing und gelb wurde.

Sein Funkgerät knisterte und rauschte, aber Philipp ging nicht dran. Plötzlich stieß die Hai-Visage vom Chef neben ihm durch den Dunst. Mit seiner glänzenden Glatze und triefenden Nase sah er echt so aus, als wäre er hierher geschwommen. Als erstes riss er Philipp das Funkgerät vom Gürtel. Seine Spitzzähne klappten dabei auf und zu.

Dann war auch der Manager-Anzugträger mit seiner goldenen Krawattennadel da. Philipp hatte ihn nur einmal bei seinem Vorstellungsgespräch gesehen. Sein Foto prangte ganz oben in der Bilder-Pyramide der Abteilungsleiter vom Einkaufszentrum.

Immer noch hing eine schwere Wolke von Parfüm in der Luft, das die Nicht-Diebin vorhin aus Dutzenden Flaschen versprüht hatte. Philipp wurde schlecht davon und er merkte, wie sein Oberhemd ihm feucht am Rücken klebte. Er guckte hauptsächlich auf den Boden. Ramona trat mit ihren rosa-roten Pumps auf das gelbe Reclam-Buch, was immer noch auf den grellen Fliesen lag. Philipp entzifferte den Titel: „Voltaire: Zadig oder Das Schicksal“.

Der Tennis-Champ bückte sich nach dem Buch und überreichte es der aufgelösten Besitzerin mit einem Siegerlächeln.

Sie haben wenigstens Manieren“, lobte die ihn die Versehrte und tätschelte mit ihren knorrigen Fingern die weißen Schweißbänder vom Schönling. Nachher würde er ihr bestimmt noch einen Tennisschläger verkaufen.

Herr Krawattennadel kniete vor der jammernden Kundin, die immer noch in den Stuhl gesunken saß und über ihre Schultern strich.

Ich bitte Sie im Namen unseres Managements um Entschuldigung. Die Sicherheitsabteilung ist krankheitsbedingt schwach besetzt und der Mitarbeiter ist nur ein Praktikant auf Probe. Wir bedauern diesen Zwischenfall zutiefst, Frau Oberstudienrätin“, sabberte der Typ. Wahrscheinlich war er früher mal ihr Musterschüler gewesen. Im diesem beschissenen Frankenkaff kannten sich alle.

Ich kann Ihnen nur empfehlen, künftig keine Primaten mehr als Praktikanten einzustellen“, sagte die Oberlehrerin mit spitzem Ziegen-Mund, in deren herunter gezogenen Winkeln sich ihr rosa Lippenstift krümelte. Sie tat nur so schwach, damit der Shopping-Mall-Manager mit einem fetten Einkaufsgutschein heraus rückte, was er dann auch tat.

Habermann nieste mehrfach wie ein Orka dazwischen und versprühte Viren-Gischt. Er brabbelte Entschuldigungen und sein mehliger Bauch guckte dabei unappetitlich zwischen zwei überspannten Knöpfen über dem Gürtel hervor.

Endlich durfte Philipp die Szenerie verlassen. Er trottete neben dem Hai hinunter in den Keller. Unten riss Habermann im schwammigen Licht der schwarz-weiß Monitore die oberste Schublade vom grauen Rollcontainer auf, holte ein bedrucktes Blatt Papier heraus und kritzelte nur noch Datum und Unterschrift mit einem Kuli aus dem 100er-Pack vom Pfennigland darunter. Dann hielt sein Ex-Chef ihm das Schreiben mit dem Titel „Kündigung“ mit lang ausgestrecktem, haarlosen Nikotin-Pflaster-Arm hin.

Philipp holte seine Cola-Flasche aus dem Spind und hängte sein MIB-Jackett zum letzten Mal auf den Drahtbügel und riss sich den angekletteten schwarzen Schlips vom Hals.

Das ist der letzte Anzug, den Sie jemals tragen werden“, murmelte Philipp auf der Rolltreppe nach oben.

PS: Mein Schreibabenteuer geht im April weiter, wenn ich zur Überarbeitung einläute und meinen Text (nach einem ersten „clean-up“) auch gewillten Testleserinnen anvertrauen werde.

M – Musen Manko

Prolog am Mittwoch: Das W von letzter Woche wirft seinen Schatten als M vor mich hin. Eigentlich wollte ich heute an meinem Roman weiter schreiben. Ich hänge durch. Die Musen haben mich verlassen. Meine letzten Zeilen habe ich am Valentinstag geschrieben – 826 Wörter und mitten in der Szene abgebrochen.

Was ist nur passiert? Mein Roman scheint mir zu entgleiten, die Figuren und ihre Geschichte kommen mir bedeutungslos vor. Macht es einen Unterschied, ob ich die Geschichte zu ende führe oder nicht? Lähmende Gedanken.

Doch! Ich will das Finale schreiben – es fehlt auch nicht mehr viel. Ich brauche ein neues Ziel: Bevor der März anbricht, also bis zum nächsten Mittwoch,  den 28. Februar 2018, will ich mein Werk vervollständigen (den 1. Entwurf).

Heute morgen rette ich mich erst mal in diesen Blogbeitrag – sobald ich über Musen dichten will, überhäufen sie mich mit ihren Küssen.

Auch meine Buchstaben-Spezialgäste A (allzeit abtauchbereit), V (vage virulent) und W (wohl-ig wundervoll) haben sich eingefunden und wir stimmen gemeinsam als (sparsamer) Griechischer Chor in die Parodos ein:

(Die Leserichtung des Gedichts läuft wie gewohnt von links nach rechts, Zeile für Zeile von oben nach unten. Die Lücken zwischen den Buchstaben symbolisieren auch die Abwesenheit der Musen.)

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

Exodos am Mittwoch:

Für die Freunde der Sprachspiele in der Ästhetischen Bildung hier die „contraintes“ (habe ich mir selbst zusammen gereimt) für dieses Gedicht:

– in jeder Zeile müssen Wörter mit „M“ vorkommen, die gemeinsam die Form des M annehmen,

– in der ersten Zeile: 2 M-Wörter (für die Spitzen),

– in den folgenden Zeilen: jeweils 4 M-Wörter (auch mehrere M’s im selben Wort erlaubt, besonders wichtig in den Spitzen, da sie eng zusammen stehen müssen) und

– in der letzten Zeile: 3 M-Wörter (für die Standbeine).

Ob die Musen wohl unsere Anrufungen erhören und mich in den nächsten Tagen durch mein Roman-Finale tragen?

W – WOLLTE WUNDER WAGEN

Heute ist Valentinstag. V hat mich endlich verlassen. Nun ist Platz an meinem Hals für einen Nachfolger. Willkommen Double-V. Wieso, weshalb, warum?

Vielleicht – wohl wahrscheinlich – weil ich gerade viele Wörter zur „Ästhetischen Bildung“ für mein nächstes Studienseminar lese und mich Wortspiele wahnsinnig in Versuchungen verstricken. Eine ästhetische Erfahrung ist eine sinnliche und leibliche Wahrnehmung. Warum also nicht beim Dichten – besonders wenn es um das Leben und die Liebe geht – auch Klänge, Formen und Farben einbeziehen?

W-Worte wandern wunderlich durch meine Gedanken und haben mich zu dieser Valentins-Widmung inspiriert. Beim Lesen dürft ihr gerne wahlweise die Wege variieren.

Ein W(ende)-Gedicht an die Liebe:

Wer es ein bisschen rosiger mag:

Neue Sachlichkeit

Wer hat nun auch Lust auf ein formschönes Gedicht? Vielleicht gibt es ja einen Buchstaben, der dein Herz erobert hat. Ich freue mich auf eure wagemutigen Werke!

VERMISST

Vermisst (kurz für: „so ein Mist“?)

Mein Notebook ist seit heute morgen ohne „ “. Verloren over night. Jetzt denkt ihr vielleicht: nicht so schlimm, mit „e,i,o,u“ ist immer noch genug Wörterfülle möglich. Dies ist keine Not. Vielleicht schon Tugend.

Ich ber ntworte euch: lle Buchstben des lphbets bruche ich, knn nicht lssen von Voklen!

Wohin bist du nur usgebüchst? uf der Tsttur finde ich nur noch deine Fssde, dhinter ghnt der bgrund. Prgmtiker könnten mir sgen: usweichen knn ich uf copy+pste. ber ich will keine Kopie us der Konserve. Mich verlngt es nch dem Originl!

Oder soll ich die Herusforderung nnehmen?

In der Bücherwelt gibt es Wortkünstler, die zum linguistisches und stilistisches Experiment ein komplettes Buch ohne ein einziges „e“ schrieben. So zum Beispiel Georges Perec in:

„nton Voyls Fortgng“ (frz. „L Disprtion“, ds Verschwinden, 1969).

Wieso sollte Perec nicht mein Vorbild werden? Ich ziehe zur Seine und werde Oulipo-tin!

In meiner Schriftstellerei könnte ich den Schluss meiner Geschichte ebenso ohne „ “ schreiben. Elise und Philipp kommen ohne diesen Letter hin. Nur der Junge müsste seine Gitrre hergeben.

In förmlicher Korrespondenz könnte ich die Gender-Diskussion befeuern:

„Sehr geehrte Herrinnen und Herren“

Ist dies Fortschritt oder Rückschritt in Dingen der Gleichberechtigung?

„Mit freundlichen Grüßen“ komme ich nicht in die Bredouille.

Wenn es um die Liebe geht, könnte ich noch ein „oh“ für ein „ h“ vorgeben.

Sgt mir doch und gebt mir Rt: Soll ich ein utoren-Leben ohne „ “ wgen oder kpitulieren und die Tsttur meines Notebooks reprieren lssen?

Heimlich erhoffe ich die wunderliche Wiederkehr meines kleinen Weltenbummlers.

Suche ebenso in der non-virtuellen Welt

Ich widme dem flüchtigen „ “ dieses Gedicht:

ufrichtiger ppell

Sh dich gestern bend noch

wrst d wie lle Tge

dnn km die Ncht

usgegngen ohne bschied

uf Wnderschft ohne Gepck

m Tge wrd mir bnge

hst gr eine uswrtige ffre

mit einem nderen Lptop

du bist donis und phrodite

unter den Voklen

dein Mngel ist gr rg

Truertg im Jnur

lusche uf mein nliegen

kmst du doch nch Huse

uf Hnden trg ich dich fortn

Treu besten Wissens und Gewissens von Erinnerung gezeichnet

Die verkleidete Angst

Dies wird keine Erfolgsmeldung. Aller Anfang ist schwer? Nein! Alles Ende ist schwer! Seit mehr als einer Woche hat sich der Innere Kritiker in mir breit gemacht, unter dessen Gewand sich die nackte Angst verbirgt.

Mein Romanabenteuer, das ich am 1. November 2017 mit spielerischem Eifer begonnen habe, hat seine Leichtigkeit völlig verloren. Stattdessen hat sich ein Mantel von drückendem Ernst darüber ausbreitet. Wo ist bloß meine Unbeschwertheit im Schreiben geblieben?

Wenn ich meinen Blog-Eintrag von letzter Woche lese, überkommt mich eine Beklemmung – mit Leistungsdruck und Abgabefrist habe ich versucht, meine inneren Warnsysteme zu übertönen.

Ich wollte mein Traumprojekt so gerne bis zum Jahresende abschließen. Mein Pflichtgefühl und das schlechte Gewissen haben schon in Dezember mächtig an mir genagt, weil ich alle meine Energie für das Romanschreiben eingesetzt und meine Arbeiten für das Studium ziemlich vernachlässigt habe. Ab Januar – so mein Deal mit mir selbst – werde ich dann richtig Gas geben und alles nachholen.

Jetzt ist es Januar, mein Roman ist noch nicht fertig und Panik steigt in mir auf. Nachts liege ich wach und in meinem Kopf kreist die Liste von überwältigenden Aufgaben, die ich irgendwie in eine Reihenfolge bringen muss, um sie frist- und anforderungsgerecht abzuarbeiten. So wie vor nicht allzu langer Zeit in meinem letzten Job, wo meine ersten Gedanken morgens beim Aufwachen und die letzten Abends vor dem (Nicht-) Einschlafen (und fast alle Gedanken zwischendurch) der schier erdrückenden Last von Arbeitsaufträgen galten. Aus diesem Teufelskreis hatte ich mich doch eigentlich befreit.

Die Leichtfüßigkeit hat mich auch im Studium verlassen. In die spielerische Entdeckungsfreude vom Anfang hat sich nun im 3. Semester etwas Schweres eingeschlichen: Der Zweifel. Der Zweifel, ob ich den vielfältigen Anforderungen gewachsen bin. Bald schon sollen wir uns ein Thema für unsere Masterarbeit aussuchen und ich habe noch nicht den Hauch eines Ansatzes von einer Ahnung, was das für mich sein soll. Auch mein Praxisvorhaben bereitet mir Sorge, denn für mein theoretisches Konzept der Schreibspaziergänge habe ich noch keine Umsetzungsmöglichkeit gefunden – bei den Volkshochschulen bin ich an verschlossenen Türen abgeprallt und wie ich sonst eine Gruppe schreibwilliger Menschen in Berlin finden soll, steht wie eine Steilwand vor mir und mir fehlt die Kletterausrüstung. Vielleicht muss ich auf die schreibpädagogische Betreuung einer Einzelperson zurückgreifen – das erscheint mir eher möglich.

Aber zurück zu meinem Roman – meinem Traumprojekt und meiner Zukunftsperspektive. Was ist in den letzten Wochen passiert? Warum hat sich der Innere Kritiker lautstark zu Wort gemeldet?

Passenderweise ist es eine Studiumsaufgabe für den Januar, einen schriftlichen Dialog mit meinem „Inneren Zensor“ zu führen (oder „Erlauber“, wie ich gerade beim Blick in den Modulübungsplan sehe, aber diese Variante habe ich offenbar ausgeblendet). Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieser Dialog nicht nur akademisch, sondern mit akuter Dringlichkeit erfassen wird. Es ist höchste Zeit, dass ich meinen Dämon zum Gespräch bitte. Ich hoffe, bei näherem Kennenlernen verliere ich meine Furcht vor ihm.

Warum hat erst das Roman-Finale meinen Peiniger auf den Plan gerufen? Zu Beginn meines Schreibprojekts im Rahmen des „NaNoWriMo2017“ ging es darum, jeden Tag eine bestimmte Wörteranzahl zu Papier zu bringen. Das hat mich große Disziplin und auch einige Anstrengung gekostet – und trotzdem habe ich beim Schreiben eine rauschhafte Erfüllung erlebt. Denn die Quantitatsvorgabe war für mich gleichzeitig eine Freistellung von Qualitätsansprüchen. Eine Erlaubnis, einfach drauflos zu schreiben – nach Lust und Laune ohne festes Inhaltsziel. Die innere kritische Stimme („sei perfekt“ ist ihr Credo) hatte Urlaub. So konnte ich mich genüsslich frei schreiben, gerne auch mal ausschweifend über alle Früchtesorten im Marmeladenvorrat meiner Protagonistin Elise. Auf diese Art habe ich jeden Tag ein Kapitel geschrieben, mit dem ich rundum zufrieden war, und habe meine Figuren und Handlungsstränge leichthändig entwickelt. Daraus ist eine lebendige und farbenfrohe Fülle entstanden.

Dann kam der Dezember. Meinen Vorsatz, nur jeden zweiten Tag zu schreiben, habe ich nach Erledigung meiner Pflichtaufgabe (Entwurf von Philosophie-Essay) schnell aufgegeben und wieder täglich geschrieben – wenn auch mit weniger Worten, dafür mit Korrekturschleifen. Das war die Zeit für das große und verfrühte Comeback meines Inneren Kritikers. Nun sitzt er auf meiner Schulter und raunt mir unaufhörlich ins Ohr. Die Handlung ist komplex, die Figuren buhlen in großer Zahl um meine Aufmerksamkeit. Mein Plot-Planungsdokument wird täglich detaillierter. Der Countdown zum Jahresende tickte mit jedem Tag lauter.

Nach meinem ersten Strauchler am letzten Donnerstag habe ich mich am Freitag mit großer Kraftanstrengung noch zu 2.500 Worten gezwungen – wobei jetzt jedes Wort vom Kritikermeister abgewogen und mit einem Qualitätsurteil versehen wird. Dann hat mich am Samstag eine Schmerzwelle überspült und untergetaucht – was mich jedoch nicht davon abgehalten hat, an diesem Tag und am Silvesterabend noch jeweils über 1.000 Wörter zu Papier zu bringen. Die Silvesternacht mit der Böller-Hölle in Berlin bis 5 Uhr in die Früh hat mir dann den Rest gegeben und am 1. Januar habe ich endlich den Widerstand gegen meine mentale und körperliche Erschöpfung aufgegeben. Ich habe mir einen außerplanmäßigen Ruhetag zugebilligt.

Welcher peitscheschwingende Sklaventreiber bringt mich soweit? Wo früher im Berufsleben ein Vorgesetzter und Kollegen Leistungsdruck auf mich ausgeübt haben, habe ich diese Rolle nun freiwillig dem Inneren Kritiker übergeben.

Ganz planmäßig habe ich mir dann am 2. und 3. Januar 2018 einen Belohnungsausflug nach Dresden gegönnt. Zum Glück schon fest gebucht, denn eine penible Stimme in meinem Kopf hat mir vorgehalten, dass ich mir ohne Romanfinale die Belohnung eigentlich gar nicht verdient hätte. Auf den Schwingen der berauschenden Musik von Korngolds „Die Tote Stadt“ konnte ich für kurze Zeit in andere Sphären entschweben.

Zurück in Berlin. Der Innere Kritiker entdeckt eine Staubschicht auf meinem Laptop und dem Stapel der Uni-Lehrbriefe.

Eine schlimme Nacht wartet auf mich. Der Sturm rüttelt an meinen Rollläden (nicht nur metaphorisch) und noch heftiger stürmen die Gedanken in meinem Kopf. Endlos und auswegslos sortiere ich meine Arbeitsaufträge wie Bauklötze, versuche die wackligen Türme vor dem Einsturz zu bewahren, indem ich sie umsortiere, in eine andere Form oder Konstruktion zu bringen versuche. Es werden nicht weniger. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als Schlaf. Ein Bewusstseins-Vakuum. Wenn es doch nur eine Aus-Taste für meinen Kopf gäbe!

Ich fahre das volle Geschütz gegen meinen Gedankenwirbel auf: Japanisches Heilöl brennt kalt auf meiner Stirn, ich lausche auf die Stimmen aus dem CD-Spieler vom Kleinen Prinzen, vom anarchistischen Kling-Känguru, auf die großmütterliche Stimme von Luise Reddemann, die Achtsamkeitsübungen mit mir machen will, mich zum Gepäck ablegen und zu meinem Wohlfühlort einlädt – sie alle können mich nicht retten. Vor dieser Gedanken-Kobra, die mich würgt und zu verschlingen droht!

Was sind das für Gedanken? Sie handeln von Pflicht, Disziplin, Leistung, Ordnung. Sie umklammern mich. Oder umklammere ich sie? Jene Gestalt, die ich oben den „Inneren Kritiker“ genannt habe. Diese Gestalt steckt in einem Korsett, eingeschnürt von den eigenen hohen Ansprüchen. Aber was steckt eigentlich darunter? Was würde passieren, wenn all diese Schnüre und Stricke abfallen würden? Dann würde die nackte Angst vor mir stehen! Aber diese Angst bibbert nicht davor, zu versagen oder nicht gut genug zu sein. Nein, sie schlottert vor dem Verlust des Korsetts, das sie zusammen hält – vor dem Verlust von Halt, von Kontrolle – vor dem Sturz ins Bodenlose. Die Angst ist paradox. Sie ist unlogisch. Sie ist ein Gefühl. Sie ist ein Bild.

Ich versuche, ein Bild zu finden, um meinen Sturzflug irgendwie aufzuhalten. Und dann finde ich es (um 4 Uhr nachts): Das Bild vom Himmel über den Wattewolken. Ich könnte Schweben, anstatt zu stürzen! Ich bin so erleichtert über dieses Bild, dass mir die Tränen kommen. Und mit den Tränen fließt auch ein Teil meiner Anspannung ab und ich kann endlich einschlafen.

Am Morgen beschließe ich, erst mal inne zu halten, anstatt den Düsentrieb für mein Romanfinale anzulassen.

Ich besinne mich darauf, was mein Schreiben für mich bedeutet – nämlich Freiheit. Schweben, statt stürzen. Deshalb hatte ich auch vor Monaten dieses wunderbare Himmel-Wolken-Bild für meinen Blog-Header ausgewählt. Ich hatte es ständig vor Augen und war zuletzt doch blind dafür.

Ich werde meinen Roman zu Ende schreiben. Ob ich das Finale in vier Tagen oder in vier Wochen (oh je, der Innere Kritiker steigt mit rotem Kopf an die Decke) schreibe, darauf soll es mir nicht ankommen. Ich freue mich darauf, meine Fantasie in die Lüfte zu schicken. Um die Handlungskluft kümmere ich mich erst mal nicht, sondern schreibe als nächstes die Szene, auf die ich mich schon seit Wochen freue: Mein Protagonist, der Junge mit der Gitarre, entkommt auf einem weiß-glitzernden Schneevogel von seiner Insel der Restriktionen und fliegt seiner (inneren) Freiheit entgegen.

Sobald ich das letzte Wort vom letzten Kapitel geschrieben habe, werde ich – ohne Korrekturschleife – diese 1. Fassung „ roh“ und ungeschliffen ausdrucken. Damit ich mein Werk physisch in Händen halten und umarmen kann – mit all seinen Imperfektionen, dem Überfluss an Adjektiven, den Tippfehlern.

Jetzt, wo ich das alles aufgeschrieben habe, kommen mir kurz Zweifel, ob ich diese sehr persönlichen Einblicke wirklich auf meinem Blog veröffentlichen soll. In der Welt der sozialen/digitalen Medien zeigen die meisten Menschen nur eine selektierte und retuschierte Seite ihrer Lebenswelt. Auch in meinem bisherigen Berufsleben gehörte es zum Leitbild, keine Schwäche oder Zweifel zu zeigen. Davon habe ich mich jedoch abgekehrt. Auch für die Schattenseiten darf und muss es Raum geben. So erlebe ich es schließlich auch in positiver Weise in meinem jetzigen Studium und im Austausch mit meinen Mitstudierenden.

Mias Blog-Adventkalender 2017 – Türchen 8

Herzlich Willkommen bei der Fortsetzungsgeschichte von Mias Wortgeschenk-Adventskalender. Im Folgenden stammt alles kursiv Gedruckte von meinen Vorgängerinnen, der letzte Absatz von mir. Viel Spaß beim Lesen und eine schöne Adventszeit wünsche ich euch!

Sie lag auf dem Rücken im warmen Wasser des Außenbeckens im Solebad. Sie spürte das Wasser, das sie trug und blickte entspannt in den Nachthimmel. Der Mond erzählte ihr die Geschichte des Tages. Seine Sicht war eine völlig andere als ihre. Seine Geschichte gefiel ihr besser und als er geendet hatte, sah sie, wie etwas vom Mond herunter direkt neben ihr ins Wasser plumpste.

Es glitzerte wunderschön und ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus, um es zu erhaschen. Aber sie war zu langsam, hatte wohl doch einen Moment gezögert. Das Ding rutschte zwischen ihren Fingern hindurch und sank auf den Boden des gekachelten Schwimmbades. Da lag es nun. Ein schwaches Leuchten drang zu ihr herauf. Wie sollte sie an das Ding herankommen. Wenn sie eines hasste, dann war es das Untertauchen. Schon allein die Vorstellung, mit dem Gesicht unter Wasser zu müssen, jagte ihr trotz der Wärme des Solewassers eine Gänsehaut über den Rücken.

An Entspannung war nun nicht mehr zu denken. Wie sollte sie an das matt leuchtende Etwas herankommen, das zu packen sie um Haaresbreite verfehlt hatte? Sie schaute sich suchend um, als gäbe es irgendwo im Außen eine Lösung zu entdecken. Bei aller Anspannung zwang sie sich zur Ruhe und schloss noch einmal die Augen; da fiel ihr ein, wie es gehen könnte.

Sie dachte an Erik, den Bademeister, der ihr vor zehn Jahren in genau diesem Schwimmbad zum ersten Mal begegnet war – einen verträumten jungen Mann mit kurzen, glatt gekämmten dunklen Haaren, stets mit einem Buch vor der Nase, der sie erstaunt und an Paul Celan erinnert hatte. Damals saß er am Beckenrand auf einem dieser weißen Plastikstühle, die auch ein Solebad seinen Aufpassern zur Verfügung stellte und las in einem zerfledderten Taschenbuch, offensichtlich absorbiert von der Geschichte aus einer anderen Welt. Zunächst hatte sie sich nicht getraut, ihn anzusprechen, denn es schien ihr, als säße er inmitten einer Glocke aus flirrenden und tanzenden #Satzfragmenten, die sie nicht zu durchbrechen wagte. Doch ihr war der Lieblingsring ihrer Großtante beim Schwimmen abhanden gekommen, das kostbarste Etwas, das sie besaß und sie hatte Angst gehabt, danach zu tauchen. „Entschuldigen Sie, bitte, aber ich habe etwas sehr Wertvolles im Becken verloren, könnten Sie mir vielleicht bei der Suche behilflich sein?

Erik schüttelte sich kurz, blickte sie mit verklärten Augen an, zögerte danach keine Sekunde und sprang.

Natürlich war kein Erik in der Nähe. Bestimmt war er längst seinen Träumen hinterhergereist. Als sie sich hilfesuchend umschaute, vermieden die anderen Gäste jeglichen Blickkontakt. Und die aufsichtführende Bademeisterin war gerade mit einigen Kindern beschäftigt, die albernd und viel zu schnell über die glatten Kacheln geflitzt waren. Ihre Super-Idee verflüchtigte sich im Nebel des salzigen Wasserdampfes.

Sie sah mit nachdenklichem Blick über die erneut von Sprudeldüsen in Bewegung gebrachte Wasserfläche, da kam ihr just das Ende eines Gedichtes in den Sinn. Verfasst von dem Lyriker Celan, an den sie damals Erik erinnert hatte.

… ein Wort zu dem du herabbrennst‘. Aus ‚Feuer und Wasser‘. Das konnte kein Zufall sein.

Oder doch? Es war jetzt keine Zeit, um lange nachzudenken, schon gar nicht über dieses Gedicht, das sie seit jenem Morgen begleitet, als es eine Mitschülerin vor dem Unterricht an die Tafel schrieb. Obwohl, dieses Gedicht…, konnte es ihr gerade jetzt nützlich sein? Sie blickte auf das leuchtende Ding unter Wasser und dann lächelnd hoch zu ihrem heimlichen Verbündeten, dem Mond. Plötzlich wusste sie, was zu tun war.

Natürlich war es riskant, ihren Posten zu verlassen. Aber sie musste etwas riskieren, wenn sie erfahren wollte, wenn sie überhaupt eine Chance haben wollte zu erfahren, was da auf dem Schwimmbadboden glitzerte. Betont lässig schwamm sie zum Glastunnel, der das Außen- mit dem Innenbecken verband, lächelte dem alten Herrn zu, der ihr entgegenkam. Mit fünf Stößen durchquerte sie den Tunnel und kletterte gleich am ersten Ausstieg aus dem Wasser. Sie lief zu ihrer Liege, streifte sich noch tropfnass ihren roten Bademantel über und kramte in ihrer Tasche.

Ihre Hand umfasste die Taucherbrille, die sie seit Jahren in ihrer Bademanteltasche trug, obwohl sie niemals tauchte. Sie schob die getönten Kunststofflinsen über ihre Augen und das Gummiband kniff in ihren Hinterkopf. Nun sah ihr die Welt in weichen Grüntönen entgegen, eine Welt, in der sie ihren Bademantel wieder abstreifen und zurück ins Außenbecken schwimmen konnte und ihr Gesicht wieder dem lockenden Leuchten vom Beckengrund zuneigte. Doch niemals würde sie es über sich bringen, ihren Kopf unter Wasser zu tauchen. Da sauste ein grün glühender Pfeil aus den Weiten des Sternenzelts herab und landete zischend im Wasser neben ihr und nun kam planschend das Köpfchen seines kleinen Passagiers an die Oberfläche.

สวัสดีตอนค่ำ“, sagte das Universalpferdchen mit heller Stimme,  „ich heiße Wunschwort – und wer bist du?“

>> Wie es weiter geht, erfahrt ihr morgen hinter Türchen 9 bei Urs.

Am 7. Tag im National Novel Writing Month

Der November ist in den USA „National Novel Writing Month“ (NaNoWriMo) und alljährlich begeben sich dort und überall auf der Welt schreibbegeisterte Menschen auf einen Schreibmarathon.

Die Herausforderung: 50.000 Wörter in 30 Tagen schreiben. Das bedeutet ein tägliches Pensum von 1.667 Wörtern (rund 3 Seiten). Jeder, der die Ziellinie am 30. November um 23:59 Uhr mit mindestens fünfzigtausend Wörtern überschreitet, ist ein Sieger. Ein beinahe olympisches Motto.

In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal mit dabei. Anfang des Jahres war mir in der Bibliothek der ASH im Regal für kreatives Schreiben das Buch „No plot, no problem“ von Chris Baty, der diese kreative „challenge“ im Jahr 1999 ins Leben gerufen hat, in die Hände gefallen. Das Buch ist witzig geschrieben und hat mir Lust auf das Schreibprojekt gemacht.

Der Amerikanische Traum glimmt noch irgendwo in den Sternen: Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst!

1. November:

Alles ist bereit, ich habe am Vorabend meinen Account auf der offiziellen Website angelegt, meinen Roman angekündigt und sogar ein Titelbild für mein Werk hochgeladen (das erhöht angeblich meine Erfolgschancen um 60 %).

Der Startschuss ist gefallen und verhallt. Ich schleiche den ganzen Tag um mein Notebook herum und mache es vorsichtshalber gar nicht erst an. Einkäufe erledigen und putzen schienen mir noch nie so wichtig. Zweifel überfallen mich. Gut, dass ich noch fast niemandem von meinem utopischen Plan erzählt habe. Eine Idee für meinen Roman hätte ich ja schon, aber…

Um 20 Uhr abends packt mich dann eine Art „alles egal“-Stimmung, ich setze mich vor den Computer und fange an zu tippen.

Ich erzähle (aus der auktorialen Perspektive) die Geburt meiner Protagonistin, die mit krebsroter Haut und Schwimmhäuten zwischen den Zehen zur Welt kommt und nicht weinen kann – was das Neugeborene ihren Eltern ziemlich unheimlich macht.

Um 23 Uhr habe ich stolze 2.153 Wörter geschrieben. Okay, das war gar nicht so schlimm und ist vielleicht an anderen Tagen wiederholbar, denke ich.

Also verkünde ich mein Projekt gleich noch auf meiner facebook-Seite, damit ich morgen nicht einfach einen Rückzieher mache.

Mein Roman-Konzept ist, dass ich die Geschichte meiner Hauptfigur durch Blitzlichter auf 30 Tage aus ihrem Leben vom Tag ihrer Geburt (1980) bis in die Gegenwart erzählen möchte.

Die Idee zu diesem Aufbau scheint durch die Wettbewerbsvorgaben begünstigt. Aber ich bin hierzu auch inspiriert von einer Erzählung von Émile Zola („Die vier Tage des Jean Gourdon“), die ich kürzlich als Audiobuch gehört habe. Hier wird sehr fesselnd die Lebensgeschichte eines Mannes durch die Schilderung von 4 Tagen aus seinem Leben gezeichnet (Jugend im Frühling: erster Kuss; Soldat im Sommer: Mut beweisen und zum Mann werden; Vater werden im Herbst: die Ernte eines erfüllten Lebens einfahren; Sturmflut im Winter: Verlust und Tod erfahren).

In meiner Geschichte möchte ich eines meiner Lieblingsgenres aufgreifen: Das Märchen.

Meine Heldin heißt Elise und wird als Menschenkind geboren, ist aber in Wirklichkeit ein Wesen aus einer anderen Welt (sie ist ein Wesen des Wassers und in mancher Hinsicht eine Nachfahrin der „Kleinen Mehrjungfrau“) mit besonderen Gaben. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen auf bestimmte Weise zu dienen. Elise hat keine Seele und keine eigenen Wünsche. So wird es ihr jedenfalls gesagt. Aber das stimmt in ihrem Fall nicht. Und hier kommt dann die Liebe ins Spiel…

Nach jedem Gebrauch ihrer Fähigkeit färbt sich ihre Haut rot (was sie auch zu einer Außenseiterin unter den Menschen macht) und sie verliert Stück für Stück ihre Lebenszeit.

In der Geschichte tauchen noch andere Märchenwesen auf, zum Beispiel der Spielmann, der blinde Maler und die Weidenfrau.

Mir fehlen irgendwie noch starke Antagonisten, denn ohne Bösewichte keine Spannung. Allerdings hat die Protagonistin auch mit allerlei menschlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und nicht zuletzt gegen die Auslöschung ihrer Existenz.

Für das Geschichtenerzählen ist Michael Ende ein großes Vorbild für mich. „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ gehören seit Jugendtagen zu meinen Lieblingsbüchern.

3. November

Ich gebe meine „Planung-blockiert-mich-nur-Haltung“ auf und lege einen Notizzettel für Schlüsselmoment an (bis jetzt habe ich aber nur 14 davon) und außerdem eine kleine Familienchronik, wo ich Geburtsjahre z.B. für die Großtanten von Elise festlege, damit ich auch weiß, wie alt die Damen im Jahr 1983 sind (dazu brauche ich einen Taschenrechner).

Ansonsten geht mein Konzept, an jedem Tag über ein Schlüsselereignis zu schreiben, ganz gut auf und ich liege gut im Wörterschnitt (ca. 2.000 / Tag).

7. November

Langsam werde ich nervös, weil ich befürchte, die Geschichte plätschert zu sehr vor sich hin. Vorgestern habe ich eine halbe Seite lang beschrieben, wie Elise mit den Großtanten ihren Schulranzen aussucht. Aber ich habe bisher nur Kurzgeschichten geschrieben und muss mich erst an ein gemächlicheres Erzähltempo gewöhnen.

In diesen Momenten denke ich an Tolkien, der im Prolog von „Der Herr der Ringe – die Gefährten“ ein ganzes Kapitel dem Pfeifenkraut der Hobbits widmet. Zwar wird mein Roman nicht solch ein Epos, aber ein bisschen Ausschweifung darf ruhig sein – auch ohne Drogen. Da fällt mir doch gleich dieser Pilz ein, der mir auf meinen Inspirationsspaziergängen ins Auge gefallen ist und der mir total märchenhaft vorkommt. Vielleicht kann er giftig sprechen, ist vielleicht ein lügendes Orakel…

Außerdem ist alles, was ich schreibe, eh nur ein erster Entwurf.

Leider muss ich feststellen, dass mein Schreibfluss jeden Tag langsamer wird, weil ich mehr über dem Text grübele und an Formulierungen herumdoktere. Den inneren Kritiker muss ich unbedingt wieder in den Urlaub schicken.

Am Ende einer jeden Schreibeinheit gebe ich meinen neuen totalen „wordcount“ auf der Website in meine Statistik ein und bekomme ein sehr aufmunterndes Pfeildiagramm präsentiert.

Die 10.000 Wörter-Badge habe ich schon erworben.

Hier als kleiner Teaser meine bisherigen Kapitelüberschriften:

Tag 1: Eintritt in die Welt

Tag 2: Weinen lernen

Tag 3: Puppenspiele

Tag 4: Im Schrank einer Königin

Tag 5: Der erste Schultag

Tag 6: Ein gebrochenes Herz

So, jetzt muss ich einen neuen Tag für meine Märchenheldin erschaffen, denn nur ein gewisser anderer Schöpfer darf am 7. Tage ruhen.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Übrigens freut es mich sehr, dass zwei meiner Wortschwestern aus BKS11  Mia und Miss Novice auch unter den NaNoWriMo-Schreibenden sind. Schreibleine los und Ahoi!

Folge 7: Park Babelsberg – Fürst Pückler versetzt Bäume und bringt Eiscreme in Mode

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

An diesem spätsommerlichen Sonntag flaniere ich unter säuselnden Bäumen den geschwungenen Weg an der blau glitzernden Havel entlang Richtung Schloss Babelsberg – die gleiche Idee hatten heute auch hunderte andere Ausflügler.

Fast schüchtern lugt schließlich hell strahlend das neugotische Schloss zwischen Baum und Strauch hervor – aber damit endet die Bescheidenheit auch. Heute will ich mich auf die Spuren von demjenigen begeben, der den Schlosspark maßgeblich gestaltet hat.

Darf ich vorstellen: Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau (1785-1871) – ich werde ich entgegen der Etikette fortan einfach Fürst Pückler nennen.

Heute ist der letzte Tag der Sonderveranstaltung im Schloss von Wilhelm I. und Augusta (Deutsches Kaiserpaar und Königspaar von Preußen). Nur heute noch öffnen sich exklusiv die Tore ins unsanierte Innenreich für geladene Gäste – zwar habe ich keinen Adelstitel, konnte mir aber durch einen monetären Beitrag dieses Privileg schon am Vorabend dank besonderer Verbindungen sichern (über Gräfin DSL – sie geht in direkter Linie auf Tele Comptesse zurück).

PROBIEREN GEHT ÜBER PIKIEREN

Um das Schloss hat sich ein ganzer Hofstaat von Parkbewunderern eingefunden, die nun in der Sonne sitzen und standesgemäß Bratwürste und Fürst-Pückler-Eis zu sich nehmen.

Meine Audienz im Schloss ist laut Einladung auf 16:10 Uhr festgelegt. Bis dahin habe ich noch genügend Zeit, die „Plaisure Grounds“ zu bewundern.

BLICKFANG

Direkt vor dem Fenster von Königin Augustas Salon entfaltet sich das Landschaftsgemälde, das Fürst Pückler ihr zu Gefallen entworfen hat. Das opulente Schmuckstück ist die güldene Blumenfontäne auf der Terrasse. Gold wohin ich schaue, sogar zur Begrenzung der Beete.

Die goldene Terrasse mit Blumenfontäne

Den Park auf dem trockenen Sandhügel hatte bereits Peter Joseph Lenné (Generaldirektor der preußischen Gärten) angelegt, sein Wegesystem ist heute noch erhalten, aber wegen Trockenheit gingen die Bäume ebenso wie die Laune der Auftraggeber ein.

Dann schlug 1842 die Stunde für den charmanten Lebemann und chronisch verschuldeten Fürsten Pückler, sich mit seinem Gartenhobby in den Dunst- und Gunstbereich des preußischen Hofs zu begeben.

Fürst Pückler war auf seinen vielen Reisen auch einige Zeit in England und Schottland unterwegs gewesen und hielt seine Eindrücke im Lehrbuch „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ (1834) fest. Dem englischen Gartenvorbild nacheifernd machte sich Fürst Pückler in Babelsberg ans Werk.

Auf meinem Rundgang durch den Babelsberger Schlosspark begleitet mich das Lebenselixier der Anlage – nämlich das Wasser.

Nicht nur optisch sorgen künstliche Wasserläufe und ein alpin anmutender Wasserfall für lebendige Atmosphäre, sondern auch ganz pragmatisch war die Bewässerung des Parks von existenzieller Bedeutung.

Mithilfe eines Dampfmaschinenhauses wurde das Wasser aus der Havel in einem Rohrleitungssystem in alle Winkel der Grünanlage geleitet.

Dampfmaschinenhaus (1843-44)
Künstlicher See

Ein wichtiges Gestaltungsmittel für den Park waren die Bäume, die in kunstvoller Formation zu Blickachsen gepflanzt wurden und gotischen Arkaden gleichen sollten.

Aber Fürst Pückler war kein Mann von Geduld und er schwelgte in Dramatik – und als er in England zum ersten Mal eine „tree machine“ sah, wusste er, dass er selbst auch einmal Bäume versetzen würde – wobei er die Erfindung der Baumpflanzmaschine natürlich für sich beanspruchte. Und so geschah es im Park Babelsberg.

Anstatt Jungbäume zu pflanzen, grub Pückler einfach riesige Bäume aus der (weiten) Umgebung aus, lud sie auf den Verpflanzungskarren und ließ sie nach Babelsberg schleppen. Hier wurden die Baumriesen dann zusammen mit Tierkadavern (als Dünger) wieder im Boden versenkt. Wie zum Beispiel die Pyramideneichen, die heute noch im Park stehen (fragt mich aber nicht, welche das sind).

Je näher man wieder dem Schloss kommt, desto lieblicher und exotischer werden die Pflanzen und Blumen.

Mein Lieblingsort ist dieses Fest der Farben.

Nun ist es soweit – meine Audienz bricht an. Auch im Innern des Schlosses kann ich die Schönheit des Gartens genießen – und die Fenster rahmen die Landschaft wirklich wie ein Gemälde ein. Wer schaut da schon auf den bröckelnden Putz an der Decke.

Das Herzstück ist der kathedralenartige Raum mit dem gedeckten Tisch – Macht und Pracht werden in Speisen zelebriert (zu gerne würde ich einmal kosten, aber dafür reicht mein Titel nicht aus).

An höfischer Tafel steht der Nachtisch schon zu Beginn als Augenschmaus auf dem Tisch – nur das Sorbet wird nachgeliefert – nämlich von dutzenden von Dienern über einen 300 Meter langen Tunnel aus dem Küchentrakt. Dort befindet sich auch der Eiskeller. Im Winter wurden Eisschollen aus gefrorenen Gewässern gesägt und dort eingelagert. Dank dieses Reservoirs konnte die Hofküche fast ganzjährig Eisleckereien zubereiten.

Ja, und nun sind wir endlich bei der Eiscreme angekommen. Wer von uns kennt nicht das Fürst-Pückler-Eis? Schokolade, Vanille und Erdbeere in sahniger Schichtung.

Wen wundert es noch, dass Fürst Pückler gar nicht der Erfinder dieser Eiskreation war. Fremde Federn stehen ihm auch gut.

Es war der Königlich-Preußische Hofkoch Louis Ferdinand Jungius, der Pückler 1839 in seinem Kochbuch ein dreischichtiges Sahneeis widmete. Hierfür verleihe ich kraft meiner blassblütigen Blog-Würden dem Erfinder Jungius das zuckrige Verdienstkreuz. Hipp hipp hurra!

Fürst Pückler ist ja schon für seine Gartenbaudienste ausreichend von Wilhelm I. und Augusta dekoriert worden.

LITERARISCHE ERNTE

„Alles beinah schafft Geld und Macht, aber kein Crösus und kein Alexander vermögen die tausendjährige Eiche in ihrer Majestät wieder herzustellen, wenn sie einmal gefällt ist… dennoch aber weiche das Einzelne, wo es Not ist, auch hier dem Ganzen.“

Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau

„Wenn der Park eine zusammengezogene idealisierte Natur ist, so ist der Garten eine ausgedehntere Wohnung.“

Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau

AM WEGESRAND

Zurück in meinem bürgerlichen Domizil lasse ich meinen Blick über meine Felder schweifen. Meine Radieschen brauchen noch ein wenig Sonne. Vor Kurzem habe ich eine Knolle zur Probe geerntet – klein aber fein!

Fürst Pückler hat mir geraten, größere Exemplare im Nachbarhof Edeka (abstammend von Kaisers) zu erwerben und in meine Erde einzupflanzen. Gibt es eigentlich schon Fürst-Pückler-Riesen-Radieschen?

Arabella-Radieschen-Mini

Folge 6: Infarm am Görli – Salat aus der Vitrine und (keine) Äpfel ohne Sündenfall

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

Sturm und Regen haben das Regiment übernommen und die Natur verliert ihr grünes Kleid. Die Ernte ist eingefahren und die Gärten werden winterfest gemacht. Wo finde ich jetzt noch grünes Sprießen?

PROBIEREN GEHT ÜBER PIKIEREN

In Kreuzberg ticken die Uhren anders. Hier wachsen ganzjährig Salatköpfe in Vitrinen. Vertikales Indoor-Farming. Ein Projekt von zwei Brüdern aus Israel: Hier wächst seit 2014 Gemüse ohne Sonne und Erde, dafür mit LED-Licht, Kokosfasernährboden und ein wenig Wasser. Eine alternative und umweltfreundliche Nahrungsmittelproduktion mitten in der Großstadt mit kurzen Transportwegen zum Verbraucher. Das muss ich mir ansehen!

BLICKFANG

Aber wo versteckt sich das einfallsreiche Start-Up-Unternehmen? Es ist nicht infam zu behaupten, dass INFARM ein Geheimtipp ist. Ich streife die Glogauer Straße am Görlitzer Park entlang und suche nach ihrem Firmenschild.

Im Internet war von einem Hinterhof die Rede, auch von einem Café, in dem man an den Inkubations-Salatblättern knabbern kann. Ich schaue in jede Toreinfahrt – und davon gibt es hier echt viele. Hausnummern – Fehlanzeige.

Also frage ich zwei rauchende junge Männer vor einem Lokal. Infarm haben sie noch nie gehört. Aber Hausnummer 6 müsste dort entlang sein. Also gehe ich hinein, komme durch 2 Hinterhöfe, roter Backstein und schwarze Metallfenster stehen mir abweisend vor Augen. Ich biege um eine Kurve und – tatsächlich, dort sehe ich wie eine Fata Morgana rosa Licht über Grünzeug hinter Glas hervor schimmern. Und dann entdecke ich neben der kleinen Eingangspforte auch ein dezentes Firmenschild.

Ich trete ein und bin in einen großen Raum. An einem lang gestreckten Holztisch mit Bänken davor sitzen eifrige Leute über winzige Notebooks gebeugt, ganz vertieft in ihre Arbeit. Einer macht gerade (Nach-) Mittagspause und isst vom selben Tisch, ein anderen sitzt mit seinem Notebook auf dem Schoß in einer Fensternische. Hier bestellen Pflanzenforscher,  IT-Spezialisten und Zukunftsdesigner ihren Hightech-Acker.

Wie zur Inspiration wuchern unter Rosalicht an der Wand in gewählter Ordnung allerlei Pflanzen (die ich leider auf die Schnelle nicht botanisch einordnen kann).

Ein junger Mann kommt auf mich zu (nach dem Foto aus dem Internet vermute ich, dass es Guy Galonska ist, einer der Gründer), ich erkläre ihm mein Interesse für Gärten und Grünanbau in Berlin. Das Café gibt es leider nicht mehr, hier ist nur der Arbeitsort, sagt er mir freundlich auf Englisch. Ja, ein paar Fotos dürfe ich machen, müsse aber später die Erlaubnis für die Veröffentlichung einholen. Offizielle Fotos könnt ihr hier ansehen.

Damit hat sich das Gespräch für seinen Geschmack erschöpft und er geht. Ich schaue mich noch kurz um, aber zu den Brutkästen im anderen Raum kann ich wohl nicht einfach so gehen. Dann muss eben ein Foto von außen durch die Scheibe reichen.

Die Erzeugnisse von Infarm kann man im Restaurant Good Bank probieren. Das mache ich demnächst auf jeden Fall.

LITERARISCHE ERNTE

Fünf Köpfe bringen einen guten Salat zustande:
Ein Geizhals, der den Essig träufelt,
ein Verschwender, der das Öl gibt,
ein Weiser, der die Kräuter sammelt,
ein Narr, der sie durcheinander rüttelt,
ein Künstler, der den Salat serviert.

Jean Anthelme Brillat-Savarin (1755 – 1826), französischer Schriftsteller, Jurist und Gastronom, Lehrbuch der Gastronomie und Tafelfreuden

AM WEGESRAND

Auf dem Weg zur U-Bahn durchwandere ich den „Görli“ – aber so nett, wie dieser Kosename klingt, ist der Park nicht. Entlang des Zauns auf dem Außengehweg lungern überall Gestalten herum. Auf dem tunnelartigen Zuweg in den Park muss ich an einer Gruppe junger Männer vorbei, die hier Spalier stehen. Alle paar Meter werde ich angesprochen („Wie geht’s“ und „schöne Haare“), ich bin mir nicht sicher, was außer Drogen hier sonst noch angeboten wird. Ich fühle mich sehr unwohl.

Endlich komme ich vom baumbeschatteten „Randgebiet“ des Parks weg. Eine große, sonnenbeschienene Wiese liegt als Mittelstreifen wie eine harmlose Insel zwischen den umgebenden Schattenwelten. Hier sind Spaziergänger, Sportler und viele Kinder mit Begleitpersonen unterwegs. Ich komme an einigen Spielanlagen und sogar einem kleinen Zoo mit Ziegen vorbei.

Der Grund für meinen Besuch sind jedoch die Apfelbäume eines engagierten Bürgerprojekts. Ihr Ziel ist es, den Görlitzer Park vom Drogen-Dorado in einen Gemeinschaftsgarten für die ganze Nachbarschaft zu verwandeln.

Schließlich finde ich auch die Obstbäume, leider sind die Früchte schon geerntet. Das Schild der Baumpflanzer ist mit Graffiti beschmiert, aber die jungen Bäume sind scheinbar unversehrt.

Ein Paradies nach dem Sündenfall?

Der Park mit seinen finsteren Ecken und Lichtblicken hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck bei mir.

BiU-topia nach Ende der großen Koalition?

Graue (oder besser gesagt: braune) Stimmung am Montag nach der Wahl. Jetzt ist es Nachmittag und ich gehe nach meinen Sonnenblumen schauen – denn immerhin werden sie bald vom Plakatschatten befreit. Ich denke daran, ein Schild zu ihrem Schutz mit der Bitte um Rücksichtnahme aufzustellen.

Beim Gießen am 18.09.2017

Ich biege um die Kurve und traue meinen Augen nicht: Gähnende Leere auf dem Rondell – das Riesenplakat ist schon weg!

Heute

Ich eile näher – und atme auf – die duldsamen Blumen stehen noch. Allerdings hat es schon wieder die 2 armen Randsteher mit größter Nähe zum Aufsteller getroffen – trotz unübersehbarer Stütze durch zwei Stöcke sind sie von den Plakatabbauern (ob externe Firma oder CDU-ler weiß ich nicht) rücksichtslos niedergetrampelt.

Aber das kennen sie ja schon. Und sie sind wahre Stehauf-Blumen. Ich bohre die Stützstöcke wieder in den sandigen Boden, richte die langen Zarthälse auf und befestige sie mit Grasband an ihren hölzernen Partnern.

Bei meiner 1. Hilfestellung am 10.09.2017
Zu Zeiten der „Großen Koalition“

Die eine Niedergetretene hat nach meiner Aufstehhilfe noch ein geneigtes Köpfchen, aber das wird schon wieder.

Trotz Schatten und kühler Witterung haben die Sonnenblumen in den letzten Wochen einige Knospen hervorgebracht. Selbst die Kleinsten unter ihnen streben ihrer Bestimmung zu.

Die Größte ist mir schon über den Kopf gewachsen.

Die Älteste zeigt schon fast ihr schönes gelbes Blütenkleid.

Jetzt, wo ihre unfreiwillige große Koalition mit dem CDU-Vertreter und mit den Cannabis-Aktivisten in der Opposition beendet ist, kommen sie wieder in den Genuss der Morgen- und Mittagssonne und weniger Fußverkehr.

Wenn ich mir das Rondell so anschaue, sieht es halb wie ein Kuchendiagramm aus. Die Machtverhältnisse und Sitzverteilung in diesem Parlament scheint sich zugunsten der Sonnenblumen verbessert zu haben. Nur wer wird den frei geräumten Raum des Plakats einnehmen? An dieser Stelle kann jetzt jedes („alternative“) Kraut wuchern…

Aber im tiefsten Herzen bin ich doch eine Träumerin und möchte das Rondell – jetzt wo es vom Polit-Schatten befreit ist – umwidmen in eine utopische Insel. Eine Insel der Fantasie.

Mir kommen die Textzeilen aus einer meiner Lieblingsopern – „Don Quichotte“ von Jules Massenet – in den Sinn: Im Sterben liegend macht Don Quijote seinem treuen Gefährten Sancho Panza ein besonderes Geschenk. Zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise und ihrer Abenteuer hatte Don Quijote seinem Begleiter als Belohnung eine eigene Insel versprochen.

DON QUICHOTTE
richtet sich mit übermenschlicher Anstrengung auf
Ja! ich war der erste derer, die Gutes säten!
Ich habe für das Recht gekämpft,
ich habe einen guten Krieg geführt!
er fällt zurück… ringt nach Luft
Ach! Sancho…
Sancho, ich habe dir einst
grüne Hügel, Burgen versprochen,
sogar eine blühende Insel…

SANCHO
Es war nur ein Inselchen,
was ich haben wollte!

DON QUICHOTTE
Nimm deine Insel,
denn es liegt immer noch in meiner Macht,
sie dir zu schenken!
Tiefblaue Wellen brechen sich an ihren Ufern,
sie ist schön, freundlich…
und es ist die Insel der Träume!

DON QUICHOTTE
„Prends cette île qu’il est toujours en mon pouvoir
De te donner!
Un flot azuré bat ses grèves…
Elle est belle, plaisante? et c’est l’île des Rêves!

Und hier ein kleiner Eindruck mit Bild und Ton (Ferruccio Furlanetto als Don Quichotte).

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